Bitterbunt

roxy
Bitterbunt



Der Dachboden ist staubig und trocken. Bei jedem Atemzug spürt man eine Dürre in der Lunge, die sich darüber legt, als ob sie dem Körper all sein Leben heraussaugen will, es gar ersticken will. Kisten, Schränke und andere Aufbewahrungen versperren die Sicht auf den kompletten Dachboden, so dass einem nicht auffällt wie weit und wie tief er eigentlich ist. Es bedrückt einen, engt einen ein, sich bücken zu müssen, da Dinge von der Decke baumeln und über Kisten zu steigen, da man nicht voller Mut Schritt für Schritt den Dachboden ablaufen kann. Man muss sich winden und ducken, wie auch kleine Schritte machen, das Bein heben, um sich einen Weg durchzubahnen zu dem großen Fenster am anderen Ende des Dachbodens. Das Fenster verleiht dem staubtrockenen Dasein des Dachbodens wie auch seiner Beengtheit eine gewisse Freiheit. Man sieht draußen das Grün, dass sich im Sommer in Baum und Busch einnistet und auf dem Dachboden sehnt man sich danach das Grün der Wiese zu riechen und die Wolken über sich zu haben.
Doch auf dem Dachboden ist man nun, was tut man dort, wenn die Welt draußen ist? Hier denkt man die Welt steht still, verharrt in einer Altertümlichkeit.
Das Mädchen ist hier. Sie schaut sich um. Wendet ihren Blick von Gegenstand zu Gegenstand, schlangenartig und doch langsam schaut sie alles an. Merkt sich alles, was wo steht. Den Blick aus dem Fenster vermeidet sie. Sie will die lebende Welt nicht sehen, wie sie in ihrer frischen Art und Weise pulsiert und sich nicht in Raum und Zeit verliert. Sie sieht den massiven Kasten, der nahe bei dem Fenster steht. Ihr Blick klettert die Wand entlang und verharrt an einem Haken.
Sie schaut sich wieder um.
„Bitterbunt werde ich…“
Sie findet das kratzige Seil, hebt es sich an die Nase und atmet einen muffigen Geruch ein, der zu schwach ist, um ihn tatsächlich wahrzunehmen, doch die Projektion im Kopf wie auch die Wahrnehmung der äußeren Erscheinung im Dachboden, schaffen eine Illusion, die sich in ihrem Kopf als schlechter muffiger Geruch darstellt.
„Bitterbunt werde ich es…“
Ihre Worte bringt sie noch nicht zu Ende. sie schafft es nicht. Sie nimmt das Seil, schiebt die schwere Kiste unter den Haken. Jede Pore ihres Körpers befindet sich in einem toten Stadium, sie spürt nichts dort in dem Verließ einer einsamen Prinzessin. Könnte sie fühlen, würde sie nun lachen. Denn sie ist keine Prinzessin. Sie ist ein einsamer Wolf, der sich in der Wüste des Dachbodens wieder findet und nicht klarkommt mit der Trockenheit.
Alltagsbewegungen, um den Haken und das Seil zu verbinden und sie so Hand in Hand tanzen zu lassen. Denn sie muss nun all ihre Hoffnung in Dinge setzen, die toter nicht sein könnten. Nicht zuletzt in sich selbst.
Alltagsbewegungen, die geschafft sind. Sie stellt sich auf die Kiste, bindet sich das Seil um den Hals. Wie oft hat sie früher damit gespielt, oft genug sich damit befasst. Sie weiß alles auswendig. Informationen, die sich ihr eingebrannt haben.
„Bitterbunte Farben ziehen schnell vorbei. Fühlen, Denken und das Sein, finden nichts und niemanden, und niemand kennt mich, niemand kennt das Fühlen und Denken und das Sein. Ohne Teilen, ohne Mitleben – was soll das sein?“
Sie zieht die Schlinge fester. Schiebt die Kiste mit den Füßen ein wenig fort. Der Haken ist nun senkrecht nach unten nicht mehr untermauert von Luft und der Kiste. Freie Bahn für das Seil zum Hängen, freier Lauf für des Mädchens Wunsch.
„Bitterbunt werde ich es leben.“ Leises Wispern, leises Hauchen, doch die Worte kommen durch. Das letzte Mal ist es das Leben. Nicht auf dem Schachbrett, sondern im Braun des Dachbodens mit Blick auf das Grün und Blau der Welt. Ein letztes Mal ist es nicht die Illusion oder das Gedankenspiel. Es ist das ehrlichste auf der Welt, unverhüllt von Träumen.
Sie ist tot.

„Stell dir mal vor, du wärst ich und ich wäre du. Was würdest du an meiner Stelle machen?“
„Leben.“
„Was für eine Quatsch-Antwort. Wir leben doch. Riech doch mal!“ Eine Blume wird an ihre Nase gehoben. Der Duft erscheint leer. Sie schüttelt unmerklich mit dem Kopf. Doch es wird wahrgenommen.
„Natürlich lebst du. Fühle es!“ Ihre Hand wird genommen und glatte Haare, die weich sind, finden sich an ihren Tastnerven in ihrer Hand. Doch das Gefühl bleibt leer. Wieder schüttelt sie unmerklich den Kopf.
„Ach komm. Das kannst du mir nicht erzählen.“ Sie spürt Atem an ihrem Ohr und Berührungen an der Seite ihres Körpers. Sie traut sich nicht sich umzudrehen, zu schauen und zu sehen. Denn, es wäre zu viel, und nicht das eines bitterbunten Moments. Sie befindet sich im Grün, sie befindet sich im Blau. Die Farben sind zuviel, das Wollen des anderen ist zu viel.
Ihr Blick wendet sich leicht nach unten. Dunkelblaue Jeans. Plötzlich spürt sie die Finger in ihrem Gesicht, sie erschrickt, denn es fühlt sich an wie ein explosionsartiges Erwachen. Ihre Mauer bröckelt. Panik steht in rot in ihren Augen geschrieben, in ihrem Herzen finden sich unendliche Worte, die etwas sagen wollen, doch sie starrt nur.
„Du bist das röteste, was ich ja gesehen habe.“ Bitterbunte Farben würden nicht auf sie einschlagen, sie zertreten wie ein Zwerg unter den Füßen eines Riesen. Sie fühlt sich eingeengt. Bilder schießen ihr in den Kopf. Das Zusammenkauern in einer Blackbox, das Verstecken unter dem Bett, das rasselnde Atmen unter einer Bettdecke.
„Okay, okay, ich verstehe. Du musst nicht schauen, als sei ich der Teufel.“
Stille. Gehauchte, gewisperte Stille, die sich über sie legt wie ein Schutzmantel. In einer schnellen Bewegung ist der harte Stein um sie wieder aufgebaut.
„Was würde ich erleben, wenn ich du wäre?“
„Bitterbunte Farben.“
„Wie bitte?“
"Hörst du die bitterbunten Farben, wenn der Gesang in der Nacht losgeht? Dabei fühle ich mich immer wie auf einem Schachbrett und ich stelle mir vor wie ich mit dem Springer tanze und lache, weil die Klänge nicht von dieser Welt zu sein scheinen und dabei..."
"Was redest du?"
"Und dabei denke ich immer, dass die Welt nur aus einem Schachbrett besteht. Die Farben kommen nur aus der Musik, ansonsten ist alles in schwarzweiß getränkt. Da ..."
"Du bist gestört."
"Da hört man die Farben, in bitterbunter und quietschfideler Art, man spürt, man fühlt, man liebt sie einfach nur noch."
Der Junge in der dunkelblauen Jeans steht auf, schaut sich nicht einmal mehr um und geht. Übrig bleibt das Mädchen, das immer noch mit geschlossenen Augen von ihren Träumen erzählt und von der Musik in einer anderen Art schwärmt. Sie merkt gar nicht, dass sie alleine auf dieser Wiese sitzt und ihr nur der Himmel mit den Sternen und der Halbmond zuschauen.
„Die Musik zergeht in den Ohren wie die Schokolade an einem heißen Sommertag. Sie fließt in Regenbogenfarben aus meinen Ohren und bildet einen Fluss, der sich wirr auf dem Schachbrettmuster verteilt.“
Sie öffnet ihre Augen, denn es ist kein Atmen mehr zu vernehmen. Der Platz neben ihr ist leer, nur die platt gesessenen Grashalme lassen darauf schließen, dass bis eben noch jemand dort saß. Ihr Traum ist weg, ihre Gedanken sind weg. Sie starrt auf den leeren Platz und ihr Blick wird leer. Sie schaut sich nicht um, verharrt in ihrer Pose und starrt kalt wie ein Stein. Das Gefühl des Nichtseins fließt in sie.
Es kommt niemand vorbei, sie schaut sich auch nicht um. Die Gefühle der bittersüßen Musik haben sich schließlich verwandelt, und sind in eine Gegenrichtung gewandert. Sie denkt an den bittersüßen Hass, der sich ihr um den Hals legt, wie eine Schlinge. Sie sitzt auf der Wiese, doch es fühlt sich an, als ob sie mit einer Schlinge um den Hals auf einem Dachboden steht. Das Seil, welches dick und braun ist, windet sich von der Decke in einer Senkrechten und findet anschließend den Hals des Mädchens. Wie eine Schlange, ein Schal, liegt es an, doch fester, so dass das kratzende Seil rote Flecken auf ihrem Hals hinterlässt. Es wird enger und genau dieses Gefühl bekommt das Mädchen. Sie hebt ihre Hände und versucht das Seil wegzudrücken, damit sie nicht daran erstickt. Fünf Minuten kämpft sie damit, doch danach merkt sie, dass sie auf der Wiese sitzt. Sie ist nicht auf einem Dachboden, hat kein Seil um ihren Hals und die platt gesessene Stelle neben ihr, ist nach wie vor da.
„Bitterbunt.“ Ein unvernehmliches Wispern entspringt ihren Lippen, die sie eben in einer schnellen Art und Weise befeuchtet hat.
Sie steht auf und geht.

Zwei Stellen auf der Wiese, platt gesessen und doch noch zu vernehmen. Minuten später, als die Leere sich schon drüberlegt, keine Seele mehr dort zu finden ist, kommen dunkelblaue Jeans zurück. Sie starren die Stelle an. Drehen sich um, riechen nicht den Duft des Unheimlichen, der eine Spur bildet. Die Verbindung ist gebrochen, die Einsamkeit hat gesiegt.





© by roxy




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spirit05
hoffe mal das du keine solchen gedanken gerad hast bzw nie hast .
ich kann mir das bildlich vorstellen was du da schreibst oder zumindest glaube ich das...echt gut geschrieben und bringt einiges rüber.
wünsche dir mal so oder so viel kraft .
roxy
Danke sehr ... Geschichten sind bei mir oft eine Fantasie, die aus den tiefsten Abgründen meiner Gedanken entspringen.
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