Vogelgrippe

Rabenmaedchen
Ihr Ursprung ist Ostasien. Doch jetzt haben die Erreger der Vogelgrippe auch Europa erreicht. Die Viren vom Typ H5N1 sind nicht nur für Federvieh gefährlich. Sie können auch Menschen töten

Risikoanalysten sind zur Zeit sehr gefragt: Wann kommt die nächste Grippewelle? Wie viele Menschen werden betroffen sein? Verbreiten Wandervögel den gefährlichen Tiererreger weltweit und jetzt nach Deutschland? Greifen Importverbote und Kontrollen? Und auf welche Art und Weise können wir uns vorbereiten, bevor das unangepaßte Virus zum treffsicheren Killer mutiert?

Die nationale und internationale Sicherheit hängt von diesen Einschätzungen ab, und auch die britische "Veterinary Laboratories Agency" mit über 1300 Beschäftigten an verschiedenen Standorten sucht dringend einen weiteren Risikoanalysten. Bis gestern lief die Frist, und bald dürfen sich ausgewählte Bewerber im englischen Weybridge einfinden - dort, wo auch das zuständige Referenzlabor der EU-Kommission sitzt, das jetzt Geflügelproben aus Kiziksa eilig untersuchte. Mehr als 5000 Vögel wurden in diesem türkischen Ort getötet. Für die Züchter bedeutet das Gemetzel einen herben Verlust, sie müssen um ihre Existenz fürchten, zweifeln deshalb an der Vogelgrippe und der Notwendigkeit, selbst gesunde Hühner und Truthähne zu schlachten. Aber es wurden Viren des H5N1-Typs bei Tieren entdeckt, die auf einigen Bauernhöfen erkrankt und schließlich verendet waren. Wandervögel aus Rußland haben das Grippevirus vermutlich in die Türkei geschleppt, Kiziksa ist ein beliebter Rastplatz auf ihrer Südroute. Und in Sibirien und Kasachstan war H5N1 im Juli zum ersten Mal außerhalb Asiens aufgetreten.

Nun klären Tests, ob nach den türkischen Vogelviren auch die Erreger aus rumänischen Proben tatsächlich zum H5N1-Stamm gehören, der 1997 erstmals in Hongkong in Erscheinung trat und dem in Asien bereits über 60 Menschen zum Opfer fielen. Wenn sich der Verdacht bestätigt, rückt Deutschland bis auf 1200 Kilometer an einen Infektionsherd, wo tödliche Viren lauern. Selbst wenn das der Fall ist: "Noch handelt es sich bei dieser Vogelgrippe in erster Linie um eine Geflügelkrankheit, betont Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin angesichts der Verwirrung in der Bevölkerung. Diese Zoonose wurde bislang nur Menschen gefährlich, die sehr engen Kontakt zu Vögeln hatten. Und nur in einem Fall wurde sie von einem Kind auf Mutter und Tante - von Mensch zu Mensch - übertragen, wie es bei der "normalen" Grippe üblich ist.

Allerdings starb etwa die Hälfte aller H5N1-Infizierten, und das wandelbare Virus-Erbgut mit seinen acht Genabschnitten könnte sich schon bald so verändern, daß der tierische Erreger zum Auslöser für eine globale Grippeepidemie mutiert. Deshalb sorgen die Verdachtsfälle in der Türkei und in Rumänien jetzt für neue Aufregung. Doch seit Jahren sind Wissenschaftler alarmiert und auch Politiker sind sich inzwischen ihrer Verantwortung bewußt, die nationale und internationale Notfallplanung für eine mögliche Pandemie voranzutreiben. In dieser Woche traf sich die deutsche Expertengruppe in Frankfurt - gleichzeitig tagte ein Krisenstab in Videokonferenzen aufgrund der aktuellen Geschehnisse, um Importverbote und Flughafenkontrollen vorzubereiten. Eine zufällige Parallele, die auf die schwierige Situation hinweist, einerseits die Vogelgrippe mit ihren etwa 16 unterschiedlich aggressiven Erregern zu kontrollieren, und sich andererseits auf eine tödliche Grippewelle vorzubereiten, die irgendwann die Menschheit weltweit erfassen kann.

Außerdem beginnt mit der 40. Kalenderwoche wieder die alljährliche Grippesaison mit Schnupfen und Fieber, die ihren Höhepunkt meist im Februar erreicht. Zuletzt hielt sie in Deutschland etwa 2,5 Millionen Menschen von der Arbeit fern, zudem forderte sie 15 000 bis 20 000 Tote in der vergangenen Saison. Im Jahr zuvor waren es rund 6000. Eine Impfung gegen verschiedene Influenza-Stämme ist möglich und wird vom RKI und dem Paul-Ehrlich-Institut vor allem für Personen über 60 Jahren, chronisch Kranke und medizinisches Personal empfohlen. Auch Menschen, die engen Kontakt zu Vögeln und so zu deren Kot und Sekreten haben, lassen sich - wie derzeit in Rumänien und in der Türkei - immunisieren. Sie könnten sich, so befürchten Forscher, gleichzeitig mit dem Vogelgrippe- und dem Influenza-Virus anstecken und so als Mischgefäß für ein neues Virus dienen. Das dabei mögliche "reassortment" der Gene kann ebenso in Tieren vor sich gehen, die mit animalen und menschlichen Erregern infiziert sind, etwa Schweine. Ein solches Virus könnte leichter von Mensch zu Mensch springen und so rasch eine Pandemie auslösen.

Im Kampf gegen Grippe gibt es nur wenige wirksame Waffen. Seit 2002 ist das Medikament Oseltamivir unter dem Namen Tamiflu auf dem Markt. Die Arznei reduziert Studien zufolge schwere Grippe-Verläufe um zwei Drittel, indem es - ebenso wie das Konkurrenzprodukt Relenza mit dem Wirkstoff Zanamivir - das für Viren essentielle Enzym Neuraminidase hemmt. Ist diese Schlüsselsubstanz inaktiviert, können sich die Viren nicht weiter vermehren und im Körper ausbreiten. Tamiflu wirkt wahrscheinlich auch gegen das Vogelgrippevirus, doch die Arznei konnte erst bei wenigen Menschen in Zusammenhang mit diesen tierischen Krankheitserregern getestet werden.

Die Weltgesundheitsorganisation präsentiert auf ihren Internetseiten (www.who.int) Checklisten zur Vorbereitung für eine Influenza-Pandemie. Und viele Nationen haben entsprechend Experten eingesetzt und Notfallmaßnahmen geplant. So empfiehlt der nationale Pandemieplan der Bundesregierung, für 18 bis 19 Millionen Menschen Neuraminidasehemmer einzulagern. Bislang haben es die verantwortlichen Bundesländer jedoch erst auf knapp zehn Millionen Dosen gebracht - zu wenig für den Ernstfall. Prompt decken sich die Deutschen auf eigene Faust mit Tamiflu ein. Allein im August dieses Jahres wurden 79 000 Packungen verkauft. Das gibt Christiane Eckert-Lill an, Geschäftsführerin Pharmazie der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Obwohl bislang keine Grippefälle gemeldet wurden, das Medikament verschrieben werden muß und rund 33 Euro pro Packung kostet. Im Vorjahresmonat hätten nur 900 den Ladentisch passiert. Am Robert-Koch-Institut ist man von der Entwicklung nicht begeistert: "Wer die Neuraminidasehemmer nicht richtig dosiert und zu wenig davon nimmt, züchtet Resistenzen heran", meint Susanne Glasmacher.

Auch Ortrud Werner vom Friedrich- Löffler-Institut auf der Insel Riems hält nichts von Panikmache. "Es handelt sich um eine Tierkrankheit", betont die Leiterin des deutschen Referenzlabors für Vogelgrippe. Es sei auch nicht nötig, jetzt das Geflügel einzusperren: "Derzeit besteht eine geringe Gefahr durch Zugvögel. Erst im Frühjahr, wenn sie aus dem Süden zurückkehren, müssen wir das Risiko neu bewerten." Jäger und Naturschützer sind jetzt im Herbst angehalten, 3500 Kotproben von Enten und anderen Vögeln zu sammeln. Regionale Labors testen diese auf Vogelgrippe, aber von den ersten 32 positiven konnte man auf der Insel Riems nur 16 bestätigen: "H5N1 war nicht dabei", so Werner. Der legale Handel mit Fleisch und lebendem Geflügel aus Rumänen und der Türkei sei verboten, um die Einschleppung des Virus zu verhindern. Ein hohes Risiko bestehe aber durch illegale Importe, zum Beispiel von Ziervögeln. "Und damit Hobbyornithologen nicht Vogeldreck oder Federn aus dem Donaudelta einschleppen, verteilen wir Informationsblätter am Flughafen", sagt die Biologin und schmunzelt, weil diese Seuchengefahr "mäßig" sei. Für Risikoanalysten gehört die Bewertung von kontaminiertem Schuhwerk und kuscheligen Daunen jedoch zum Job.

Artikel erschienen am Sa, 15. Oktober 2005


http://www.welt.de/data/2005/10/15/788883.html?s=2


Meine Meinung dazu: Sterben müssen wir alle mal. Ob früher oder später... Teilweise genauso ne Panikmacherei wie bei BSE und Schweinepest... Hatten wir doch schon alles.
Lümmelonkel
Ja eigentlich kann man aus grunden der Überbevolkerung nur hoffen das ma so ein Massensterben ausbricht.

Leider würden natürlich die ärmeren Länder mehr verluste haben als die sogenannten Industrieländern( geld für Medikamente, vorsorge anschaffung der Medikamenten). Aber unserem Planet würde sowas ma richtig gut tun( siehe Geschichte), solche "Heilleitz" aben die Menschheit immer weiter gebracht.
micha
@Lümmelonkel
Genialer Beitrag. Am besten, wir fangen gleich mit dir an.
Augen rollen

@RM
Na ja, der Unterschied zwischen BSE und Schweinepest ist hier, dass sich ein hochansteckender, von Mensch zu Mensch übertragbarer Virus bilden könnte. Und bevor man eines Tages ein böses Erwachen hat, sollte man vielleicht doch lieber vorsorgen smile
Rabenmaedchen
@ Micha: ich glaube Lümmelonkel hat das IRONISCH gemeint... Schön langsam solltest du auch wissen was Ironie ist Augenzwinkern


Ja... Aber bis es auf den Menschen mal überspringt... Wenn man bedenkt, dass nur Leute von den Vögeln angesteckt werden können die intensiven Kontakt zu erkrankten Tieren hatten... Und wer wälzt sich schon freiwillig in Vogelscheiße Augenzwinkern
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