Rabenmaedchen
Wie kann es kommen, dass eine Frau aus der US-Provinz, Arbeiterin in einer Geflügelfabrik mit einer Schwäche für Kriegsfilme, mit 17 Jahren in die US-Armee eintritt und drei Jahre später zum "Gesicht" des Folterskandals im irakischen Gefängnis von Abu Ghoraib wird?
Quasi auf dem Weg in die Zelle gab die nunmehr verurteilte Ex-US-Soldatin Lynndie England der Nachrichtenagentur Reuters ein Interview. Das Gespräch zeigt erstmals auch die persönlichen Hintergründe der Wahnsinnstaten gegen irakische Häftlinge auf.
Veröffentlicht wurde das Interview am Freitag. England hatte zur Bedingung gemacht, dass der Inhalt erst nach Abschluss ihres Verfahrens bekannt werden dürfe.
Immer wieder Graner
Einmal mehr führt die 22-Jährige in dem 90-minütigen Gespräch ihre Taten vor allem auf die Beziehung zu ihrem damaligen Vorgesetzten, Geliebten und Vater ihres elf Monate alten Sohnes Clark, Charles Graner, zurück.
Ähnlich hatte sich England im Militärprozess gegen sie gerechtfertigt, der am Dienstag mit einer Verurteilung zu drei Jahren Haft und ihrer Degradierung zu Ende ging.
Graner verbüßt als verurteilter Rädelsführer des Folterskandals eine zehnjährige Haftstrafe.
"Ohne ihn wäre es anders"
Sie sei dem damaligen Aufseher in Abu Ghoraib einfach hörig gewesen, so England. "Lassen Sie es mich so sagen. Ich denke, er konnte mich glauben machen, er sei ein guter Mensch. Und er hat mich benutzt", erzählt England heute. "Ich glaube, ich wäre niemals in diese Schwierigkeiten gekommen, wenn ich ihn nicht gekannt hätte."
Graner als Rädelsführer
Im Prozess gegen England, der am Montag mit einem Schuldspruch in sechs von sieben Anklagepunkten zu Ende gegangen war, sagte Graner als Zeuge aus.
Er gab zu, England aufgefordert zu haben, einen nackten irakischen Häftling an eine Hundeleine zu nehmen. Auch die Pyramide aus nackten Gefangenen, die Anfang 2004 andere Fotos aus Abu Ghoraib zeigten, sei seine Idee gewesen.
"Sie haben mich gewarnt"
Bereits Monate bevor diese Fotos entstanden, die für weltweite Empörung sorgten und Soldatin England zum "Gesicht" des Folterskandals machten, sei sie von Vorgesetzten aufgefordert worden, ihre damalige Beziehung zu Graner zu beenden.
"Als ob sie wussten, dass er mich nur benutzte. Ich war geblendet. Heute denke ich, dass sie mir helfen wollten, so die 22-Jährige. "Aber ich war dumm genug, Graner weiter zu vertrauen, anstatt ihnen zu glauben."
Charismatisch und sadistisch
England war seit 2003 mit Graner, einem früheren zivilen Gefängnisaufseher, liiert. Kennen gelernt hatte sie ihn unmittelbar bevor ihre Einheit in den Irak verlegt wurde.
In seinem eigenen Prozess wurde Graner als charismatische - aber nicht weniger sadistische - Persönlichkeit dargestellt.
"Er zog mich in seinen Bann"
"Er macht dir Komplimente bei jeder noch so kleinen Gelegenheit und gibt dir das Gefühl, etwas wert zu sein", so England mit Blick zurück auf ihre Beziehung zu Graner. "Er benimmt sich stets wie ein Gentleman, hält dir die Tür auf und rückt dir den Sessel zurecht."
"Er verstand, mich mit Kleinigkeiten in seinen Bann zu ziehen, von denen er wusste, dass ich sie mag."
Faible für "Delta Force" und Co.
In die US-Armee war England 1999 - vier Jahre vor Bekanntwerden des US-Folterskandals - eingetreten. Zuvor arbeitete sie in einer Geflügelfabrik.
Zu einem guten Teil hätten sie Kriegsfilme wie "Delta Force" mit Chuck Norris für das Militär begeistert, erzählt sie. "Ich mochte alles dabei. Rauszugehen und zu trainieren, dreckig zu werden. Es war so viel Neues."
"Ich hatte Angst. Jeder hatte sie"
Später, als sie im Jahr 2002 - bereits als Soldatin - hörte, dass ihre 372. Kompanie der US-Militärpolizei in den Irak verlege, sei sie nur noch aufgeregt gewesen. "Ich wollte gehen und neue Orte kennen lernen."
Als dann aber tatsächlich mobil gemacht wurde, sei ihre Euphorie etwas gedämpft gewesen. "Klar, ich hatte Angst, jeder hatte sie."
Verwundert über nackte Gefangene
Im Irak war sie als Verwaltungskraft in Abu Ghoraib zugeteilt. Sie habe Graner dort im Zellentrakt - wo sie keine Funktion hatte - meist nachts besucht.
"Als ich das erste Mal hinkam, war das erste, was ich bemerkte, dass viele Häftlinge nackt waren." Der Captain, der sie herumführte, habe gemeint, dass sie sich an diese Ansicht werde gewöhnen müssen.
"Es war so alltäglich"
Es seien Schmerzensschreie von Gefangenen zu hören gewesen. Aus den Verhörräumen hätte man Soldaten brüllen gehört.
"Ich ging. Ich hielt es nicht mehr aus. Und ich habe immer noch Albträume." Möglich, dass sie diese Szenarien also abstumpfen ließen. "Es kann sein, dass ich mich daran gewöhnt habe, weil es so alltäglich war."
"Das war nicht ich"
Darüber, dass die Bilder, die sie zusammen mit den misshandelten Häftlingen zeigen, in die Geschichtsbücher eingehen werden, ist sich England klar.
Es sei aber nicht ihr wirkliches Wesen, das man da auf den Bildern zu Gesicht bekomme. "Das bin nicht ich. Der Einsatz macht dich dazu."
http://orf.at
Quasi auf dem Weg in die Zelle gab die nunmehr verurteilte Ex-US-Soldatin Lynndie England der Nachrichtenagentur Reuters ein Interview. Das Gespräch zeigt erstmals auch die persönlichen Hintergründe der Wahnsinnstaten gegen irakische Häftlinge auf.
Veröffentlicht wurde das Interview am Freitag. England hatte zur Bedingung gemacht, dass der Inhalt erst nach Abschluss ihres Verfahrens bekannt werden dürfe.
Immer wieder Graner
Einmal mehr führt die 22-Jährige in dem 90-minütigen Gespräch ihre Taten vor allem auf die Beziehung zu ihrem damaligen Vorgesetzten, Geliebten und Vater ihres elf Monate alten Sohnes Clark, Charles Graner, zurück.
Ähnlich hatte sich England im Militärprozess gegen sie gerechtfertigt, der am Dienstag mit einer Verurteilung zu drei Jahren Haft und ihrer Degradierung zu Ende ging.
Graner verbüßt als verurteilter Rädelsführer des Folterskandals eine zehnjährige Haftstrafe.
"Ohne ihn wäre es anders"
Sie sei dem damaligen Aufseher in Abu Ghoraib einfach hörig gewesen, so England. "Lassen Sie es mich so sagen. Ich denke, er konnte mich glauben machen, er sei ein guter Mensch. Und er hat mich benutzt", erzählt England heute. "Ich glaube, ich wäre niemals in diese Schwierigkeiten gekommen, wenn ich ihn nicht gekannt hätte."
Graner als Rädelsführer
Im Prozess gegen England, der am Montag mit einem Schuldspruch in sechs von sieben Anklagepunkten zu Ende gegangen war, sagte Graner als Zeuge aus.
Er gab zu, England aufgefordert zu haben, einen nackten irakischen Häftling an eine Hundeleine zu nehmen. Auch die Pyramide aus nackten Gefangenen, die Anfang 2004 andere Fotos aus Abu Ghoraib zeigten, sei seine Idee gewesen.
"Sie haben mich gewarnt"
Bereits Monate bevor diese Fotos entstanden, die für weltweite Empörung sorgten und Soldatin England zum "Gesicht" des Folterskandals machten, sei sie von Vorgesetzten aufgefordert worden, ihre damalige Beziehung zu Graner zu beenden.
"Als ob sie wussten, dass er mich nur benutzte. Ich war geblendet. Heute denke ich, dass sie mir helfen wollten, so die 22-Jährige. "Aber ich war dumm genug, Graner weiter zu vertrauen, anstatt ihnen zu glauben."
Charismatisch und sadistisch
England war seit 2003 mit Graner, einem früheren zivilen Gefängnisaufseher, liiert. Kennen gelernt hatte sie ihn unmittelbar bevor ihre Einheit in den Irak verlegt wurde.
In seinem eigenen Prozess wurde Graner als charismatische - aber nicht weniger sadistische - Persönlichkeit dargestellt.
"Er zog mich in seinen Bann"
"Er macht dir Komplimente bei jeder noch so kleinen Gelegenheit und gibt dir das Gefühl, etwas wert zu sein", so England mit Blick zurück auf ihre Beziehung zu Graner. "Er benimmt sich stets wie ein Gentleman, hält dir die Tür auf und rückt dir den Sessel zurecht."
"Er verstand, mich mit Kleinigkeiten in seinen Bann zu ziehen, von denen er wusste, dass ich sie mag."
Faible für "Delta Force" und Co.
In die US-Armee war England 1999 - vier Jahre vor Bekanntwerden des US-Folterskandals - eingetreten. Zuvor arbeitete sie in einer Geflügelfabrik.
Zu einem guten Teil hätten sie Kriegsfilme wie "Delta Force" mit Chuck Norris für das Militär begeistert, erzählt sie. "Ich mochte alles dabei. Rauszugehen und zu trainieren, dreckig zu werden. Es war so viel Neues."
"Ich hatte Angst. Jeder hatte sie"
Später, als sie im Jahr 2002 - bereits als Soldatin - hörte, dass ihre 372. Kompanie der US-Militärpolizei in den Irak verlege, sei sie nur noch aufgeregt gewesen. "Ich wollte gehen und neue Orte kennen lernen."
Als dann aber tatsächlich mobil gemacht wurde, sei ihre Euphorie etwas gedämpft gewesen. "Klar, ich hatte Angst, jeder hatte sie."
Verwundert über nackte Gefangene
Im Irak war sie als Verwaltungskraft in Abu Ghoraib zugeteilt. Sie habe Graner dort im Zellentrakt - wo sie keine Funktion hatte - meist nachts besucht.
"Als ich das erste Mal hinkam, war das erste, was ich bemerkte, dass viele Häftlinge nackt waren." Der Captain, der sie herumführte, habe gemeint, dass sie sich an diese Ansicht werde gewöhnen müssen.
"Es war so alltäglich"
Es seien Schmerzensschreie von Gefangenen zu hören gewesen. Aus den Verhörräumen hätte man Soldaten brüllen gehört.
"Ich ging. Ich hielt es nicht mehr aus. Und ich habe immer noch Albträume." Möglich, dass sie diese Szenarien also abstumpfen ließen. "Es kann sein, dass ich mich daran gewöhnt habe, weil es so alltäglich war."
"Das war nicht ich"
Darüber, dass die Bilder, die sie zusammen mit den misshandelten Häftlingen zeigen, in die Geschichtsbücher eingehen werden, ist sich England klar.
Es sei aber nicht ihr wirkliches Wesen, das man da auf den Bildern zu Gesicht bekomme. "Das bin nicht ich. Der Einsatz macht dich dazu."
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