Das Atelier

Wolfsblut
Allein fahre ich in einem Zug. Ich scheine wirklich der einzige Fahrgast zu sein - zumindest in diesem Abteil. Es macht sich auch weder ein Schaffner noch ein Zugführer bemerkbar, der einen kontrolliert oder informiert.
Vielleicht, so überlege ich, ist das ein elektronischer Zug; der den Menschen, seine Erfahrung, seine Überlegungen, und seine Fehler endgültig wegrationalisiert. Dieser Gedanke beruhigt mich, denn so kann ich mir der ungestörten Intimität dieses Abteils sicher sein. Die Gewissheit nicht vom Wohlwollen Anderer abhängig zu sein, verschafft mir einen kurzen Moment innerer Harmonie. Es wird mir gewährt der Gleichgültigkeit einer Maschine gegenüber ein bisschen Inneres nach außen zu tragen, ohne fürchten zu müssen, dass mein Wesen registriert oder gar bewertet wird.
Wie lange ich schon fahre kann ich nicht sagen, mir kommt es vor als wären es Jahre. Aber Zeit hat ihr keinen Wert.
Obwohl in einen Fensterplatz habe (als ob es in einem leeren Zug eine Alternative gäbe) schaue ich schon längst nicht mehr nach draußen. Ich schaue nicht nach draußen, weil ich dort eh nichts erkennen kann. Die Welt rauscht so schnell an dem Fenster vorbei, dass es meinem Auge unmöglich ist, Formen oder Strukturen zu wahrzunehmen. Es scheint als gäbe es „da draußen“ keinerlei Existenz, außer einem Farbenbrei. Eine Monade, ständig wechselnder Farben, die eigentlich nichts darstellt. Wüsste ich nicht, dass es nicht so ist, könnte ich fast glauben das Universum bestehe nur aus diesem Zug.
Ich werde aus meinen Überlegungen gerissen, als ich meine eigene Trägheit bemerke. Der Zug verliert an Fahrt. Da ich gegen die Fahrtrichtung sitze, werde ich - nur ganz sachte – mit dem Rücken gegen meinen Sitz gepresst. Das wirkt für mich wie ein Signal, ich werde mir plötzlich meiner Lebendigkeit bewusst. Ich werde mir bewusst, dass die Welt nicht aus diesem Zug besteht, sonst könnte er gar nicht bremsen. Die Welt ist eine physikalische Notwendigkeit, und wenn es eine Welt da draußen gibt, gibt es Menschen, und ich bin einer von ihnen.
Der Zug kommt zum stehen, und ich steige aus. Allerdings ist es nicht etwa so, dass ich an mein Reiseziel angekommen wäre. Meine Reise hat kein Ziel, und es gibt nichts wo ich ankommen könnte. Ich verweile nur auf dem Bahnhof, um auf meinen Anschlusszug zu warten, damit ich meine Reise fortsetzten kann. Nichts desto trotz genieße ich kurz den Ausflug in die Lebendigkeit. Spüre das Blut in meinen Adern und dir Bewegung der Muskeln, ich höre endlich wieder meinen eigenen Herzschlag.
Der Bahnhof ist mit Menschen überfüllt. Fleißig kleine Bienen, die von A nach B hasten, zur Arbeit oder zu ihren Lieben. Keiner nimmt von mir Notiz, und ich nehme von keinem Notiz. Sollen das wirklich Menschen sein? Würde es mich stören, wenn es hier eine Biene weniger gäbe? Wenn sie aufhören würde zu hasten?
Aber einen Menschen erblicke ich doch, und es ist kein Zufall, dass dieser Mensch ein Mädchen ist, die allein auf einer Bank sitzt, und eine Atmosphäre dunkler, subtiler Melancholie in ihren Augen liegt. Es ist kein Zufall, sondern ein Beuteschema. Und ich pirsche mich an…
Auf Inseln auf denen es keine Raubtiere gibt, kennen Tiere keine natürliche Scheu. Man kann sich ihnen offen nähern, ohne dass sie zu fliehen versuchen. Aber ein Bahnhof ist keine Insel, und Raubtiere gibt es im Übermaß.
Deshalb ist auch sie sehr scheu. Sie kennt schlechte Absichten, und schlechte Erfahrungen, die machten sie misstrauisch, und einsam. Aber in ihrem Misstrauen schwingt auch eine kleine Spur Hoffnung mit. Gäbe es jene Hoffnung nicht, wäre sie längst tot. Ironischerweise tötet die Hoffnung sie aber langsam auch, wenn Enttäuschung auf Enttäuschung folgt.
Ich setzte mich zu ihr, und fange offen ein Gespräch an. Ich halte mich nicht mit Oberflächlichkeiten auf, dazu fehlen mir die Geduld und eine Ader fürs Triviale. Ich spreche mit ihr, und unter ihren misstrauischen Augen, versuche ich sie zu erkennen. Manchmal wirkt sie eingeschüchtert, manchmal Angstaggressiv, manchmal verletzlich, manchmal abweißend. Aber immer, gibt es diese Hoffnung, ein kleiner Weg in ihr Herz.
Es ist nicht etwas so, dass ich kühl rational daran gehe. Ich tue nur was mir natürlich erscheint. Böse Absichten habe ich keine, auch wenn ich um die Konsequenzen meiner Handlungen im Bilde bin, kann ich nicht sagen dass ich etwas erobern oder beherrschen will. Ich will nur tun, was für mich natürlich ist. Auch etwas hoffen.
Sie vertraut mir schließlich, schneller und heftiger als das für sie typisch ist. Meine Technik scheint perfekt, und schließlich zeigt sie mir ihr Zuhause.
Wir gehen zu ihr, und sie führt mich herum, aber an Wohnzimmer, Küche und Bad finde ich wenig Interesse. Ein verschlossenes Zimmer, findet meine besondere Aufmerksamkeit Sie meinte das sei ihr Atelier. Noch niemand hat es je betreten, keiner wolle es wirklich sehen. Ich aber bestehe darauf, dass ich es mit Freuden sehen werde. Und sie stimmt zu. Sie nimmt einen großen Schlüssel, den sie immer bei sich zu tragen scheint, und öffnet damit schließlich die Tür.
Das Atelier hat keine Fenster, und auch keine Lampen. Das einzige Licht fällt durch die Tür, und deshalb gibt es darin natürlicherweise nur dann etwas Licht, wenn sie Tür geöffnet ist.
„Normalerweise, arbeite ich hier im Dunkeln. Seltsam, oder? Denn eigentlich fürchte ich mich vor der Dunkelheit. Aber bei einer geöffneten Tür, wer weiß wer da alles reinkommt, und was er hier, allein mit mir und meinen Werken anstellt. Dieser Raum ist alles was wirklich mir gehört. Und solange ich meinen Schlüssel habe, bin ich sicher immer wieder heraus zu kommen wenn die Angst Oberhand gewinnt.“
Im schmalen Lichtschein der durch die Tür fällt, schaue ich mir ihre Werke an. Es gibt Bilder und Skulpturen. Vieles davon sind schreckliche Darstellungen von Leid und Tod. Verkrüppelte Wesen, Schmerzverzerrte Gesichter und tote Landschaften. Aber im Kontrast dazu, finden sich auch Meisterwerke von Schönheit und Eleganz. Subtile Formen, und feine Metaphorik. Das Atelier war ein Ausdruck einer Seelenlandschaft, die durchwachsen war von Bergen schönster Lebendigkeit und Vollkommenheit und Bodenlosen Täler, tiefster, verzweifelter Dysphorie. Eben das volle Spektrum menschlicher Empfindsamkeit. Das Atelier ist aber zu klein, für all die dargestellte Pracht. Der Raum wirkt als würde er an seinem eigenen Reichtum ersticken. Während ich in den Betrachtungen versunken bin, beobachtet sie mich. Sie ist begeistert von meiner Begeisterung. Es schmeichelt ihr, wie ich staunend dar stehe und etwas Bewundere das sie Geschaffen hat. Etwas, dass normalerweise niemand zu Kenntnis nimmt, scheint endlich für jemanden einen Wert zu haben. Und plötzlich wird es dunkel. Die Tür fällt ruckartig ins Schloss. Sie erschreckt sich, und krallt sich an meinen Arm fest. Sie umklammert ihn, mit aller Gewalt, und ihr Körper zittert. Sie sucht Schutz und Trost vor ihrer eigenen Angst bei mir. Die Situation überfordert mich. Immer heftiger hält sie sich an mir fest, immer enger wird die Umklammerung.
Ich stoße sie von mir, reiße ihr den Schlüssel aus der Hand. Nur ein leises „Warum?“ bringt sie über die Lippen, aber ich renne nach draußen und schließe ab. Ich höre sie in dem Zimmer wimmern, aber ich kann sie, einmal eingeschlossen nicht mehr heraus lassen. Ich kann mich nicht stellen.
Ich werfe den Schlüssel weg, und gehe zum Bahnhof. Mein Anschlusszug steht bereit. Ich steige an, setzte mich hin, und die Welt verschwindet wieder. Mea Culpa est. Es tut mir leid.

Rechtfertigung für diesen Text: Fiber und nächtelanges Wachliegen machen selbst mich ein bisschen sentimental. Aber ich hab immer noch die Hoffnung, dass es nicht gelesen wird. Allein die Länge des Textes scheint, glaube ich, viele abzuschrecken.

Ach ja, der Copyright Quatsch: Nur ich schreib so einen Mist.
micha
Nette Geschichte, erinnert mich leicht an Kafka, auch vom Stil her.

Ich frage mich nur, warum du dich selbst, deine Mitmenschen und deine Umgebung konsequent abwertest. Du sollst doch nicht (ab-)werten Augenzwinkern Und ich meine, dass es auch in 90% der Fälle ungerechtfertigt ist. Keine Ahnung, was dir die Sonne im Leben und das Lächeln auf dem Gesicht geraubt hat, was dich dazu bringt, ein schwarz-farbloses Foto in die Galerie zu posten als Selbstbildnis eines Menschen. Das Licht kann man dir nicht einimpfen, aber ich meine trotzdem, dass du es brauchst. Such mal nach dem Grund, der dich daran hindert, dich zu freuen.
Wolfsblut
Also, danke für die Kritik. Aber da stellt sich erstmal die Frage, in wieweit der Autor auch der Erzähler ist.
Außerdem, auch wenn man es mir kaum glauben kann, versuche ich konsequent andere Menschen eben nicht abzuwerten. Nicht nur in der Geschichte nicht, sondern generell. Spielt in der Betrachtung anderer Menschen Lebensekel mit ist vollkommen klar, dass das keine rationale, objektive Kritik ist Eher ein Ausdruck des Lebensgefühl.
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